Und morgen?
12. Dezember 2007

14. Januar 1989 23:43 Uhr.

Ein weitere Versuch die Welt zu ändern.
Doch, wie schon Kurt Tucholsky sagte:
„Erfahrungen vererben sich nicht – jeder muss sie allein machen.”

11. Dezember 2007 22:53 Uhr.

Ein Versuch die Erfahrungen zu ordnen und zu verstehen.
Es ist anders. Die Welt, die wir heute betrachten und in der wir leben, ist durchzogen von einem virtuellen Netzwerk. Ein Netzwerk, dass jeden Menschen an jedem Punkt der Erde zu jeder Zeit auf ein System zugreifen lässt, dass man sich nicht mehr wegdenken kann. Autos, Handys, Computer, Fernseher, Internet, Playstation, Digicam, Aspirin, Die Bahn, DVDs… Viele, viele weitere kann jeder einzelne nennen.
Aber: Hat je jemand ein Leben in der heutigen Zeit ohne all diese Errungenschaften geführt? Hat es je jemand versucht? Hast Du es Dir vorgestellt?
Wir leben in einer Welt, die alles für so selbstverständlich und alltäglich hält, wie die Tatsache, dass Wasser nass ist. Unsere Welt ist überfüllt mit Reizen. Reizüberflutung, jeden Tag aufs Neue. Und wozu führt das?

Montagmorgen haben wir einen Elternbrief von unserem Schuldirektor bekommen. Anlass war der für den 12.12. um 12:12 Uhr angekündigte Amoklauf auf unserer Schule. Schon seit ein paar Wochen hielt sich das Gerücht. Im „schülerVZ“ diskutierte man fröhlich wer, wann und wo; auf Tische in der Schule wurde der Termin geschrieben. Und dann lese ich den Report der Rheinischen Post vom 01.12.2007, dass sich ein 16-jähriger im Schulzentrum Rheindahlen einen Scherz erlaubt hatte und er Drohbriefe geschrieben hatte. Wie kann man mit so etwas scherzen?
Wie der Zufall so will ist unsere Sprechanlage an der Schule mal wieder defekt und niemand sieht sich in der Lage diese zu reparieren. So war die Angst groß, als am 5.12. der Feueralarm losging. Die eine Hälfte der Schule rannte ordnungsgemäß zu den vorgeschriebenen Sammelpunkten bei Feueralarm. Die Anderen blieben in ihren Klassenräumen, die Lehrer schlossen die Türen ab, baten um Handys und ließen die Kinder sich mucksmäuschenstill verhalten. Und der Direktor war schwer damit beschäftigt, den nach draußen gerannten Schülern Entwarnung zu geben und die eingeschlossenen Klassen zu beruhigen. Der Hausmeister hatte mal wieder bei einer Reparatur einen Alarmknopf eingedrückt.
Doch die Angst war mittlerweile so groß, dass unser Direktor uns diesen Elternbrief mit nach Hause gab. Es bestehe keine Gefahr, der Scherz sei von der Polizei aufgedeckt und durch die enge Zusammenarbeit seien alle in Sicherheit heißt es dort.
Nun hatten sich die Schüler also wieder beruhigt, Eltern, Schule und Polizei lobten die Zusammenarbeit und alles in Butter. Natürlich wurde auch weiter drüber diskutiert, wie auch heute Abend, wo der ominöse Tag doch morgen bevorsteht. Und siehe da: neue Informationen!
Wie auch die Rheinische Post mal wieder berichtet, gab es neue Drohungen für das Berufskolleg für Technik in Mülfort. Daraufhin hatten alle Schüler frei und andere Gladbacher Schulen stellen Ihren Schülern den Schulbesuch morgen ebenfalls frei.

Ist es das, was die Witzbolde wollten? Können wir uns nun über einen Tag schulfrei freuen? Wir jedenfalls haben morgen Unterricht, zu dem auch Ich hingehen werde. Klar bleiben Zweifel und man kann nie 100%ig sicher sein, aber ich habe auch nur bis 12 Uhr Schule, sodass ich zum Tatzeitpunkt wieder zuhause bin. Ironie. Doch der Rest meiner Stufe? Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass mir die egal wären. Einige sogar alles andere. Aber was kann ich schon tun?
Wie weit hat uns die Gesellschaft gebracht, dass solche Scherze bereits 50-mal im letzten Jahr in Gladbach verübelt wurden?
Was geht in einem Jugendlichen vor, der so handelt?
Zugegeben bin ich froh, morgen Abend Entwarnung geben zu können, aber kann man das je gänzlich? Wieso sollte solch ein Amoklauf nicht einfach mitten im Jahr stattfinden ohne diesen vorher anzukündigen? Schulfrei wäre immer ein guter Grund.
Wie unterscheidet man diese Witzbolde von denen, die ihre Drohungen ernst meinen? Anhand eines Täterrasters?

Hat jemand, der seinem Leben wirklich ein Ende setzen will, heute noch eine Chance? Gerade läuft im Hintergrund „Menschen bei Maischberger: Tod auf Bestellung“. Verboten. Abgelehnt. Sittenwidrig. Unwürdig. Aber was soll man einem Menschen, der nicht mehr leben will sagen? Sicher, ein Amokläufer und ein schwer kranker Mensch sind wie Tag und Nacht, sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Aber haben sie nicht ein gemeinsames Ziel? Sie wollen aus dieser Welt entfliehen. Warum? Die Begründungen gegen Sterbehilfe sind vielfältig und zahlreich, ich kenne keine einzige wirklich. Doch wir besprechen genau diese Problematik im Religionsunterricht und ich habe unterbewusst in den letzten Tagen beim Im-Internet-Rumlungern im Fernsehen hinter mir Anne Will und N24 zu diesem Thema gesehen und ich habe meine Meinung darüber:
Lass jeden Menschen seinen Weg gehen, wenn er ihn sich nur lange und wohl genug überlegt hat. Hindere niemanden daran, diese Welt zu verlassen, frage ihn lieber, warum er sie verlassen will.
Und wenn jemand zuhause oder an einem ihm vertrauten Ort sterben will, lass ihn dort sterben und zwinge ihn nicht, in die Schweiz zu fahren.
Niemand hat das Recht, Gesetze gegen das freiwillige gewollte Sterben zu verfassen, genauso wenig, wie andere daraus Geschäfte machen und das große Geld verdienen dürfen. Der Trend dieser geiz-geilen Gesellschaft ist nicht aufzuhalten, doch er driftet immer weiter…ab…
Noch vorgestern lese ich bei Ebay die Nachricht des Käufers einer meiner Artikel: Eine UNVERSCHÄMTHEIT von mir, eine negative Bewertung nur auf Grund etwas länger dauernder Überweisung zu geben. UNFÄHIG. DAS LETZTE.
Und das bei einem Ebayer, der 25 Bewertungen hat und sich als privat tarnt. Wie definiert man da UNFÄHIG? Was macht eine solche Bewertung aus? Eine von vielen, die Profi-Ebayer nicht stört. Eine einzige, die neue Ebayer nicht stören sollte und ihnen zur Verbesserung helfen kann. Oder muss jede Transaktion, die zugestellt und bezahlt ist, mit gut bewertet werden um doch ja mit 100% positiven Bewertungen zu glänzen? Ich denke in der heutigen Zeit ja.

Zwischen 17 Uhr und 20 Uhr montags ist die freie Tankstelle bei uns um die Ecke immer überbevölkert. Der Chef lotst seine Gäste regelrecht Stoßstange an Stoßstange vor die Zapfsäulen. Der Preis: 1,25 € / Liter. Im Vergleich zu den mittlerweile gängigen 1,35 € schon ein Ersparnis. Aber wieso gängig? Kost Benzin auch 2,10 DM, scheiß egal… und 2,10 € anscheinend auch. Benzin wird knapp, also muss es teurer werden. Dass der Staat den Großteil der 1,35 € selbst einbehält durch zig Steuern, die er auf den Benzinpreis legt, scheint mittlerweile normal. Die Proteste dagegen sind da, aber stumm. Es gibt schließlich Bahnstreiks, über die es zu berichten gilt. Hat sich schon einmal jemand Bahn TV angeguckt? Mir haben 10 Minuten gereicht. Nicht einmal einem Zwangseingewiesenen würde ich dieses Programm zumuten wollen. Manipulation und Gehirnwäsche klingen übertrieben, können in gewisser Weise aber stimmen, nämlich dann, wenn man beachtet, dass auch Pro 7 während seiner Sendungen 1 Frame lang eine Cola-Dose einblendet, damit der Zuschauer das Gefühl von Durst verspürt.
Skurril? Nein, die Gegenwart. Heute. Und dann. Und morgen?

Genug Gedanken für den Moment.

 

Bild: © ashley rose